Schiersteins „berühmtester Duft“ – die Knochenhütte – am Osthafen
Am 14.04.1890 erteilt der Kreisausschuss des Landkreises Wiesbaden dem Chemiker Hermann Otto die Genehmigung zur Errichtung einer „Knochenkocherei“ unter dem Namen „Chemische Fabrik Schierstein Otto & Co“. Um 1900 begann die Leimproduktion. 1908 pachtete die Leimfabrik Scheidemandel das Werk und erwarb es 1915. 1927/28 wurde eine Anlage zur Herstellung des patentierten „Perlenleims“ errichtet. 1937 übernahmen die Scheidemandel-Motard-Werke AG diese Aufgaben und stellten u.a.: Qualitätsleime für Textil-, Schmirgel-, Möbel-, Papier-, Farben-, Lederindustrie und Buchbindergewerbe und viele andere Verwendungen. Ebenso Knochen- und Extraktionsfette für Stearin-, Glyzerin-, Seifen- und Kerzenfabrikation, Knochen- und Hornmehl als Phosphor-, Kalk- und Stickstoffdünger her. Die Firma wurde 1979 von den Deutschen Gelatine-Fabriken Stoess und Co GmbH übernommen.
Die Knochen wurden per Eisenbahn in Waggons am Schiersteiner Bahnhof angeliefert. Dort gab es auf der nördlichen Seite eine Verladeanlage. Hier wurden die Knochen aus den Waggons auf offene Lastwagen verladen und zum Werk in der Biebricher Straße (heute Rheingaustraße) transportiert. Häufig konnte man den Weg der Lastwagen durch die heruntergefallenen Knochen verfolgen. Die Spatzen wurden fett dabei. Anfangs gab es auch Transporte mit Pferdefuhrwerken vom Schlachthof Wiesbaden zur Produktionsstätte. Anfang der 1960er Jahre wurde eine Gleisverbindung vom Bahnhof zur „Knochenhütte“ gebaut. Diese Transportzüge querten die Rheingaustraße zwischen dem heutigen Penny-Markt und der Autovermietung AVIS. Auf dieser Straßenseite ist die Gleisanlage heute noch zu ahnen. Ein Hinweisschild für die Bahnanlage ist hier noch zu entdecken. Der Transportweg der Waggons führte auf der gegenüberliegenden Seite zwischen der Villa Thiele (heute Immobilien Rückert) und der Firma A.+ E. Fischer Chemie in einem Bogen zum Hafen und weiter zur „Knochenhütte“. Zwischen 1964 bis 1966 wurde dort eine Verladestation gebaut und von 1967 bis 1970 entstand eine Tank- und Verladestation für Knochenfett.
Die Sortierung der Knochen musste in früheren Zeiten manuell erfolgen. Zu dieser Zeit gab es noch keine technischen Sortiermöglichkeiten. Für die verschiedenen Verarbeitungen waren jeweils eine bestimmte Art von Knochen erforderlich. U.a. war hierfür „Das Josefinchen“, eine ca. 150 cm große Frau (sie frühstückte und rauchte Zigarren während des Sortierens) eine echte Fachkraft. Sie kam am Anfang zu Fuß von Kiedrich und nach getaner Arbeit trat sie den Rückweg wieder zu Fuß an. Als sie etwas älter wurde nahm sie erst das Fahrrad und dann doch lieber den Bus. Bis Mitte 1960 war sie „Die Sortiererin“ der Knochen.
Verbunden ist die „Knochenhütte“ für meine Schulkameraden und mich mit Fahrrad-Wettfahrten bei der Fahrt von Schierstein zur Schule nach Biebrich. Immer wenn die Geruchsbelästigung gar zu groß wurde gab es das Kommando: „Wer kommt am weitesten an der ‚Knochenhütte‘ vorbei ohne Luft zu holen?!“ Die Wettfahrten waren immer eine Herausforderung. Für den Spaß gab es aber für den Gewinner keinen Preis.
Auch führte die starke Geruchsbelästigung zu großen Diskussionen mit dem Werk, der Stadtverwaltung, Presse und der Öffentlichkeit über die Möglichkeiten der Geruchseinschränkung. 1971 war in der Wiesbadener Tagespresse vom Kurier und Tagblatt zu lesen: „Geruchsbelästigung muß aufhören“ und „Die Bürger haben jetzt die Nase voll“.
Die wenig umweltfreundliche Knochenleimherstellung wäre nur mit aufwendigen und teuren Emissionsschutzanlagen weiter durchführbar gewesen. Deshalb wurde 1972 die Produktion von Knochenleim eingestellt und man beschränkte sich nun auf die Herstellung von Futtermitteln sowie Misch- und Spezialleimen.
1992 wurde auch diese Produktion in Schierstein eingestellt und die Firma geschlossen. Der Abriss der Fabrikgebäude erfolgte Mitte der 1990er Jahren und die Sprengung des Schornsteins erst am 03.05.2003. Damit war die „Knochenhütte“ nun endgültig Geschichte.
Der Vorstand des Schiersteiner Heimatmuseums wünscht ein friedvolles Weihnachtsfest und alles Gute zum Neuen Jahr.
Irmgard Hassenbach (Text und Bilder)