Straßenbahn in Schierstein und letzte Fahrt am 30.04.1955
In diesem Jahr jährt sich zum 70stenmal die Fahrt der letzten Straßenbahn der Linie 9 von Schierstein zum Rheinufer Biebrich und später bis nach Mainz. Die Linie startete 1904 von Biebrich nach Schierstein und fuhr noch durch die Wilhelmstraße (heute Reichsapfelstraße) bis auf die Höhe der heutigen Bushaltestelle z. B. Linie 9. Dort war auch der Endhaltepunkt und die Weiche zum Rangieren des Zugfahrzeuges. So konnte die Straßenbahn wieder zur Fahrt nach Biebrich starten.
In den 1920er Jahren wurde der Wendepunkt der Straßenbahn in die Biebricher Straße (heute Rheingaustraße) an der Kreuzung der Saarstraße/ Wasserrolle (früher Rheinstraße) verlegt.
Hier waren die beiden Gleise zum Rangieren der Zugmaschine. Diese Aktion benötigte die halbe Straße. Die Endhaltestelle war vor dem Haus Biebricher Straße 6 (heute Optiker Konrad in der Rheingaustraße). Wir Kinder schlossen Freundschaften mit den Straßenbahnschaffnern und -fahrern. Vor allem im Sommer saßen die „Straßenbahner“ immer vor unserem Haus Nr. 7 und genossen den Schatten zum Frühstücken und Mittagessen. Dabei durften wir Kinder die Schaffnerzange zum Entwerten der gelösten Teilstrecke in einem Stück Papier betätigen und fühlten uns damit wie Schaffner.
Am 04.07.1954 beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaften zwischen Ungarn und Deutschland fuhr die Straßenbahn erst nach dem Schlusspfiff und dem Sieg der Deutschen Mannschaft wieder Richtung Biebrich, da Fahrer und Schaffner im Vorgarten des Hauses Nr. 3 (heute Wiesbadener Volksbank) der Radioübertragung lauschten.
Am 30.04.1955 war dann ein ganz besonderer Tag für uns Kinder. Durften wir doch mit den Erwachsenen das Schauspiel der letzten Straßenbahnfahrt nach Mainz erleben. Im Wiesbadener Kurier vom 02.05.1955 heißt es u.a.: „Die Bahn wurde mit Girlanden und Fähnchen geschmückt, Trauerflore wurden an den Lampen angebracht. Hierbei durfte natürlich das Schiersteiner Lied, begleitet von einer Kapelle, nicht fehlen.“ Nach viel Musik und Gesang erschallte der Ruf „Bremsen auf“ und die Bahn wurde auf dem Haltegleis mit dem Lied „Muss i denn muss i denn zum Städtele hinaus“ Richtung Biebrich geschoben. An der Straßenkurve (wo sich heute die Gartenstadt befindet) wurde die Bahn von den Schiersteiner aufgehalten und wurde wieder zurückgedrückt. Mit beträchtlicher Verspätung gegen 24:00 Uhr konnte die Bahn dann endgültig zu ihrer letzten Fahrt starten.
Am 02.05.1955 wurde bereits mit dem Abbau der Oberleitungen zwischen Biebrich und Schierstein begonnen und der Bus der Linie 9 ersetzte die Straßenbahn. Die Endhaltestelle der Linie 9 war dann am Rondell am Hafen. Der Bus fuhr von der Biebricher Straße (heute Rheingaustraße) in die Rheinstraße (heute Wasserrolle) zur Endhaltestelle am Hafenrondell (heute Hans-Römer-Platz).
Der 70. Jahrestag hat mich wieder an die „Verkehrssituation“ mit der Straßenbahn erinnert.
Irmgard Hassenbach
Termine
- 04.07.1954 – Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaften zwischen Ungarn und Deutschland – Straßenbahn fuhr erst nach Schlusspfiff und Sieg der Deutschen Mannschaft wieder Richtung Biebrich – (Schierstein)
- 30.04.1955 – Letzte Straßenbahnfahrt nach Mainz (Linie 9) – feierliche Abschlussfahrt mit Girlanden, Fähnchen, Trauerflor, Schiersteiner Lied und Kapelle – (Schierstein)
- 30.04.1955 – gegen 24:00 Uhr – Bahn konnte endgültig zu ihrer letzten Fahrt starten (mit beträchtlicher Verspätung) – (Schierstein)
- 02.05.1955 – Beginn des Abbaus der Oberleitungen zwischen Biebrich und Schierstein; Bus der Linie 9 ersetzt die Straßenbahn; Endhaltestelle am Rondell am Hafen – (Schierstein / Biebrich)